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Fortuna
Heimspiel in Berlin: Die Exil-Düsseldorfer

Heimspiel in Berlin: Die Exil-Düsseldorfer FOTO: Johannes Bornewasser

Berlin. Die Königsallee liegt fast 600 Kilometer entfernt. Doch mit dem Klischee-Düsseldorfer haben sie ohnehin nichts zu tun: Völlig genügsam sitzt wöchentlich eine Gruppe Exil-Düsseldorfer bei Münchner Bier im Werder-Bremen-Keller eines Stuttgarter Bayern-Fans in Berlin. Seit zwei Jahren verfolgen die Fortuna-Anhänger in der Hauptstadt gemeinsam die Spiele ihrer Mannschaft.

Im Ost-Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg gibt es überdurchschnittlich viel Einzelhandel und in "Konnopkes Imbiss" die bekannteste Currywurstbude Deutschlands. Sogar bei zehn Zentimeter Neuschnee werden mehr Kinderwagen über die Gehwege geschoben, als Rollatoren durch einen Seniorenstift. In dieser fußballuntypischen Umgebung sind die Fanclubs fünf verschiedener Profi-Fußballmannschaften beheimatet.

Seit zwei Jahren gehört auch die Fortuna zum Repertoire. Und am Sonntag können die Fans ihr Team endlich wieder live sehen: Dann gastiert die Truppe von Trainer Norbert Meier beim Zweitliga-Topteam Hertha BSC – um 13.30 Uhr im Olympiastadion.

Das "Alois S." wirkt zunächst wie eine normale Tapas-Bar, doch an Wochenenden ist die Berliner Kneipe inmitten des aufstrebenden Stadtteils Treffpunkt der Exil-Fortunen. Im Fußball-Keller werden alle Spiele live gezeigt. Die Mitglieder aus vier Fanclubs treffen sich regelmäßig.

Die Bar ist Lothar Heers Lebenstraum. Den Begriff "Fan-Kneipe" mag er nicht. Und doch beherbergt er seit fast zehn Jahren die Anhänger Werder Bremens. Nach Düsseldorfs Wiederaufstieg im Jahr 2009 hielt schließlich das Fortuna-Logo Einzug in die Bar, deren Name an Alois Senefelder, den Erfinder der Lithographie erinnern soll. "Einer von uns hat damals gefragt, ob wir nicht auch unsere Spiele hier schauen können", sagt Dirk Goldmann. "Weil wir ja nicht parallel zu Bremen in der Bundesliga spielen, hat uns Lothar damals hereingelassen."

"Unseren Fanclub, die 'Havelpralinen' gibt es seit der Aufstiegssaison", sagt Goldmann, den seine Klub-Kameraden "Goldi" rufen. Ursprünglich gehörten die Mitglieder zur "Spree Elite". Der Name sei eigentlich nicht ernst gemeint gewesen, doch bei der Fahrt zu einem Auswärtsspiel wurde aus dem Spaß bitterer Ernst. Der Fanclub trennte sich schließlich. "Die wirkliche 'Elite' ist mit dem Intercity gefahren, die anderen haben nur ein Zehntel für den Regional-Express bezahlt", sagt Goldmann. Über diese Trennung habe man sich schließlich zerstritten. "Das Schlimme ist, dass die mit ihrem Fünf-Euro-Ticket wegen einer Störung an unserem Intercity eine Stunde eher zurück waren", sagt Ursula Kohlert. Sie blieb nach der Trennung der "Elite" treu.

"Die anderen Gäste mögen kein Altbier"

Zwar gibt es immer wieder Reibereien, doch die Mitglieder beider Fanclubs sitzen längst wieder bei Münchner Bier zusammen. Nach dem Schlusspfiff wird meist gemeinsam über die Rot-Weißen diskutiert. Die "Havelpralinen" prägten mit regelmäßigen Kicker- oder Fußballturnieren als einzige den Klub-Gedanken, sagt Kohlert, die zu jedem Bier ein Glas Sekt trinkt, um die Zugehörigkeit zur Elite zu unterstreichen.

Die übrigen Fortunen bevorzugen bayerisches Helles oder Weißbier. "Ich habe auch mal Alt für die Düsseldorfer organisiert", sagt Besitzer Heer, "aber die haben es nicht komplett getrunken und die anderen Gäste mögen das Zeug einfach nicht." Die Rot-Weißen bezeichnet er wie ihr Bier als sehr speziell. Dennoch beheimate er Fortunas Anhänger gern.

"Wenn Düsseldorf aufsteigt wird es eng"

Im "Alois S." gibt es keine Konferenzen. Fernseher und Großleinwand werden nur für Bremens und Düsseldorfs Spiele aktiviert. "Und natürlich zur WM", sagt der Besitzer. "Nur wenn Düsseldorf aufsteigt wird es eng. Dann müssen wir mal sehen, wie es weitergeht." Dennoch warten natürlich alle auf darauf: "Wenn wir aufsteigen, kommen wir uns mit Werder in die Quere", sagt "Havelpraline" Baris Aktuna. "Aber dann muss Lothar eben im Keller das eine Team zeigen und oben im Gastraum das andere."

Der Rest pflichtet bei und verfällt in Nostalgie. "Vergangene Saison hätten wir es fast geschafft", sagt "Goldi", der in der Aufstiegs-Saison 1989/90 zum Fortuna-Fan wurde. Als graue Maus der Liga habe er sich damals für die Düsseldorfer entschieden und es nie bereut. "Wenn wir jetzt endlich den Aufstieg schaffen, können sich auch die kleinen Fanclubs in Berlin etablieren." Zunächst wartet er auf das 95. Mitglied "und dann sollen sich alle Exil-Düsseldorfer der Hauptstadt mit uns vereinen." Das "Heimspiel" gegen Hertha am Sonntag wäre ein guter Zeitpunkt für den ersten Kontakt.

(born)
 
 
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