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Interview zum Film "Die Päpstin"
Produkt der Volksphantasie

Interview zum Film "Die Päpstin". Interview Zum Start des Kinofilms "Die Päpstin" von Sönke Wortmann erklärt der Historiker Dr. Michael Hesemann, wie Legenden wie die vom weiblichen Stellvertreter Gottes entstanden sind und sich gehalten haben

Der in Neuss aufgewachsene Historiker Dr. Michael Hesemann hat sich als Wissenschaftler intensiv mit den Legenden rund um die katholische Kirche beschäftigt – auch mit der von der Päpstin Johanna. Der Film von Sönke Wortmann mit ihrer Geschichte nach dem Buch von Donna W. Cross läuft am Donnerstag in den Kinos an.

Der Film verspricht nicht weniger erfolgreich zu werden als der Roman. Woran liegt es, dass Legenden dieser Art die Menschen so faszinieren?

Michael Hesemann Nun, an erster Stelle ist es das Milieu, in dem die Geschichte spielt. Die Kirche ist das Mysterium schlechthin. Sie ist ewig und unverrückbar, sie hat die Irrungen und Wirrungen der Jahrtausende unbeschadet überstanden: Das Ende des Römischen Imperiums, die Völkerwanderung, die Kreuzzüge, die Reformation und die Konfessionskriege, die Aufklärung und das Zeitalter der antichristlichen Diktaturen. Sie stellt den Anspruch, im Besitz der geoffenbarten Wahrheit zu sein und den Willen Gottes zu kennen. Und wie zur Bestätigung geschehen in ihrem Umfeld Zeichen und Wunder – von den Visionen der Heiligen bis zum Geheimnis schlechthin, der Eucharistie. Das macht es so spannend, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, zu schauen, ob die Kirche tatsächlich dem hohen Anspruch, den sie stellt, gerecht wird. Und da der Mensch nun mal eine Vorliebe für Klatsch und Tratsch und "Dreck am Stecken" hat, gedeihen auch Sumpfblüten wie die Legende von der Frau, die Papst wurde.

Wie kommt eine solche Legende überhaupt in die Welt?

Hesemann Der Roman von Donna Woolfolk Cross, der jetzt von Sönke Wortmann verfilmt wurde, beruht tatsächlich auf einer mittelalterlichen Legende, die aus dem 13. Jahrhundert stammt und bis ins 15. Jahrhundert auch in katholischen Kreisen geglaubt wurde. Ihr Urheber ist Martin von Troppau, ein päpstlicher Kaplan, der auch Martinus Polonus genannt wurde, weil er aus Polen stammte. Offenbar ist Martin von Troppau in Rom einer lokalen Papst-Sage aufgesessen, die von einer Straße zwischen dem Kolosseum und dem Lateran, der alten Papstresidenz, handelte und die damals "vicus Papessa" hieß. Sie verdankt ihren Namen freilich keiner Päpstin, sondern einer römischen Familie, den Papes, die dort ihr Grundstück hatten. Im Jahre 973 verstarb Giovanni Pape, das letzte Mitglied dieser Familie, und hinterließ nur seine Witwe, die "Papessa". Natürlich war dies im 13. Jahrhundert längst in Vergessenheit geraten, und so entstand, quasi als alternative Erklärung, die Sage von der Päpstin. Hinzu kam, dass diese Straße tatsächlich von päpstlichen Prozessionen gemieden wurde, weil sie einfach zu eng war. Und dass man dort eine antike Frauenstatue fand, die eine geheimnisvolle Inschrift trug, nämlich P.P.P.P.P.P.

Und von ihr glaubte man, sie könne auf eine Päpstin hindeuten?

Hesemann Tatsächlich war das eine antike Weiheinschrift, die so viel besagte wie: "Petronius, Vater der Väter, stellte hierfür die Mittel zur Verfügung". (Petronius Pater Patrum proprie pecunia posuit). "Pater Patrum", "Vater der Väter", war der Titel des Hohenpriesters der antiken Mithras-Religion, die hier ein Heiligtum unterhielt, das man heute noch unter der Kirche S. Clemente besichtigen kann. Jetzt aber las man daraus: "Petre, Pater Patrum, Papisse prodito partum" – "Petrus, Vater der Väter, enthülle die Niederkunft des weiblichen Papstes". Es war nicht das erste Mal, dass die Volksphantasie wilde und oft auch frivole Geschichten um mehrdeutige antike Monumente erdichtete. Doch das hat der ortsfremde Martin von Troppau nicht erkannt!

Wäre sie in der heutigen Zeit entstanden, könnte sie feministische Gründe haben. Aber die dürften im Mittelalter kaum eine Rolle gespielt haben, oder?

Hesemann Nein, im Gegenteil, und das ist ja gerade die Ironie der Geschichte. Denn tatsächlich enthält sie alle frauenfeindlichen Klischees des finstersten Mittelalters: Das perfide Weib, das sich nur durch List und Betrug in die Männerwelt einschleicht, dann zum Opfer seiner Wollust wird und schließlich, nach der Enttarnung, die "gerechte Strafe" erhält: den Tod. Vielleicht war gerade das ein Grund für ihre Beliebtheit und Verbreitung im Mittelalter: Sie sollte Frauen davor abschrecken, in vermeintliche Männerdomänen vorzudringen!

Ist es die Lust am möglichen Skandal, dass sich die Legende so lange hielt?

Hesemann Natürlich spielt das eine große Rolle. Man war im Mittelalter so einiges von gewissen Päpsten gewohnt, dass man einen Skandal mehr oder weniger nicht für ausgeschlossen hielt: Von der Mätressenherrschaft, der sogenannten "Pornokratie" des 9. Jahrhunderts, bis zu den Prassereien im Papstpalast von Avignon. Das trug dazu bei, dass man zeitweise in einem ständigen Endzeit-Bewusstsein lebte und Umkehr-Prediger Hochkonjunktur hatten. Zum Glück schickte der Herr Seiner Kirche immer wieder Heilige, die sie auf den rechten Weg zurückführte – Männer und Frauen wie Franz von Assisi, Hildegard von Bingen, Brigitta von Schweden und Katharina von Siena! In der frühen Neuzeit waren es dann die Reformatoren, die nach Argumenten gegen die römische Kirche suchten und ein solches in der Legende von der Päpstin fanden - von Jan Hus bis Martin Luther. So sorgte die protestantische Polemik dafür, dass diese Sage in die Neuzeit gerettet wurde.

Ist es überhaupt denkbar, dass sich in früheren Zeiten eine junge Frau als Mann ausgeben und eine Karriere bis zum Papst machen konnte?

Hesemann Nein, plausibel ist die Geschichte nun wirklich nicht. Soll wirklich eine so kluge und ehrgeizige Frau, endlich an ihrem Ziel angekommen, einen so entscheidenden Fehler gemacht haben, sich auf ein riskantes Liebesabenteuer einzulassen? Ist es wahrscheinlich, dass ihre Schwangerschaft neun Monate lang unentdeckt blieb? Wäre sie wirklich von der Geburt überrascht worden, hätte sie nicht ihr Kind auch heimlich irgendwo zur Welt bringen können?

Lässt sich aber beweisen, dass es keine Päpstin gab?

Hesemann Martin von Troppau und damit auch laut Frau Cross folgte die Päpstin im Jahre 855 Papst Leo IV. auf den Thron Petri. Nun, es gab einen Papst, der zwischen 855 und 858 amtierte, nämlich Benedikt III. Aber der war eben kein Johannes und daher auch keine Johanna. Der letzte Johannes-Papst war Johannes VII. (705-707), der nächste Johannes VIII. (872-882).

Und die hat es wirklich gegeben.

Hesemann Nun kann man natürlich behaupten, Benedikt III. sei eine Erfindung der Vatikan-Chronisten gewesen, um die Existenz der Päpstin zu vertuschen. Doch das ist eben nicht der Fall. Denn es gibt Münzen aus dem ersten Jahr seines Pontifikats, die Benedikt III. zusammen mit dem Ende 855 verstorbenen Kaiser Lothar zeigen. Im Oktober 855 erließ dieser Papst eine Charta für die Abtei Corvey. Seine Korrespondenz mit dem Erzbischof von Reims ist ebenso erhalten wie sein Rundschreiben an die Bischöfe im Frankenreich Karls des Kahlen. Benedikt III. ist also historisch bezeugt, Johanna nicht. Auch der exkommunizierte byzantinische Patriarch Photios, ein erklärter Gegner des römischen Papsttums, erwähnt in seinen Schriften Leo und Benedikt als aufeinander folgende Päpste. Und: So heftig er die Päpste auch anklagte, so viele Vorhaltungen er der römischen Kirche machte, bei aller Polemik gegen den westlichen Zölibat – nie kam er auf eine angebliche Päpstin zu sprechen, obwohl er ihr Zeitgenosse gewesen sein müsste. Glauben Sie mir: Wäre auch nur etwas dran an der Geschichte, er hätte sie genüsslich ausgekostet! Schon weil dies nicht der Fall ist, weil in der gesamten Polemik der Ostkirchen gegen Rom dieser Skandal mit keinem Wort erwähnt wird, können wir sicher sein, dass die Päpstin nie existierte.

Sie haben in Ihrem Buch "Die Dunkelmänner" die so genannten schwarzen Legenden der katholischen Kirche beschrieben. Wenn Sie mit Blick auf Haltbarkeit und Wirkung eine Rangliste aufstellen müssten: Wo würden Sie die Legende von Päpstin Johanna einordnen?

Hesemann Nun, es gibt zwei Arten von "schwarzen Legenden". Die eine hat zumindest einen wahren Kern oder bietet eine, wenn auch fiktive, Deutung eines echten Geschehens an. Zu dieser "Sorte" gehören etwa Spekulationen, Papst Johannes Paul I. sei ermordet worden, Pius XII. hätte zum Holocaust geschwiegen oder der Templerorden sei auf Betreiben des Papstes aufgelöst worden. Stimmt alles nicht, erfordert aber Recherchen, um widerlegt zu werden. Die andere ist frei erfunden, so wie die vermeintliche "Blutlinie" Jesu aus dem Dan Brown-Roman oder eben die Päpstin –beide Geschichten sind an den Haaren herbeigezogener, ahistorischer Unsinn. Das sind moderne Märchen. Sie können unterhalten, sie liefern vielleicht Stoff für spannende oder bildgewaltige Filme. Aber mit der historischen Wirklichkeit, mit der echten Papstgeschichte, haben sie nicht das Geringste zu tun!

Quelle: RP
 
 
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