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Nettetal
Große Kunst vom kleinen Mann

Elvire Kückemanns hat sich von den Arbeiten Andreas Melchers' inspirieren lassen. Das Bild zeigt ein Motiv der Sektion Tomp zwischen Kaldenkirchen und Bracht. FOTO: Burghardt

Nettetal. Der Maler Andreas Melchers hinterließ ein beachtliches Werk an Bildern. Die meisten sind in Privatbesitz. Weggefährten und seine Tochter erinnern an den Künstler, dessen Gemälde auch ein Stück Heimatgeschichte dokumentieren.

Auf einmal war er wieder in aller Munde: Als kürzlich das Dorfmuseum Hinsbeck ein Gemälde des Künstlers Andreas Melchers mit dem Motiv der Hinsbecker Kirche als Leihgabe erhielt, erinnerten sich viele wieder an den Maler aus Kaldenkirchen. "Andreas Melchers ist in Kaldenkirchen zwar weltbekannt", scherzt Elvire Kückemanns, "aber nur wenige wissen wirklich was über ihn." Melchers' Bilder hängen in so manchen Wohnzimmern und Geschäftsräumen. Einen Überblick über seine Werke aber gibt es ebenso wenig wie eine Gesamtschau seines Lebens. Zeit also für eine Spurensuche.

Da zieht ein Rind eine Holzkarre, rechts und links des Weges Blumen und Kräuter, dahinter Weiden und Wiesen. "So hat es früher am Tomp ausgesehen", erklärt Kückemanns das Ölgemälde von Melchers. Tomp, die Sektion zwischen Bruch und Hülst, hat sich längst verändert: Asphaltiert sind die Wirtschaftswege, es gibt keine blühenden Randstreifen mehr, Trecker fahren statt Karren. So seien Melchers' Bilder auch dokumentierte Heimatgeschichte, meint Kückemanns, die sich "mit dem Andi gut verstanden" hat: "Ich male ja auch, er hat mich sehr inspiriert", sagt sie. Einige seiner Werke bewahrt sie auf.

Die Decke im Saal des Kaldenkirchener Pfarrhauses von St. Clemens.

Von 1911 bis 1997 lebte Andreas Melchers. Kriegswirren verhinderten die erhoffte künstlerische Laufbahn. Statt des Studiums machte er eine Anstreicherlehre. Sein Maler-Geschäft mit Wohnung war im Eckhaus Kehrstraße/Jahnstraße in Kaldenkirchen, wo er mit Ehefrau Maria und Tochter Claudia lebte und arbeitete. Anstreichen als Broterwerb, Malerei als Hobby, manche Bilder stellte er ins Schaufenster - was neugierig machte. Mehr und mehr waren seine Werke gefragt, immer häufiger bekam er einen Auftrag: "Mal mir doch mal..."

Was er malte, wie er malte, warum er malte, darüber gibt seine Tochter Claudia Binsfeld, die nun in Viersen lebt, Aufklärung: "Er liebte die Natur, er liebte seine Stadt Kaldenkirchen, und er stand zu seinem Glauben." Entsprechend sind die meisten Motive seiner Bilder: Landschaft, Heimat, biblische Szenen. Binsfeld weiter: "Mein Vater war ein lebensbejahender, froher Mensch, dazu ein verantwortungsbewusster Familienvater."

Das "Mirtz-Hüske", das im Dorenburg-Museum aufgebaut wird. Busch

Oft sah man den "eher kleinen, aber kräftigen Mann mit dem vollen Haar", so seine Tochter, stundenlang draußen an der Staffelei sitzen und malen, an der Nette nahe der Leuther Mühle etwa. Später, mit zunehmendem Alter, war er mit einer Polaroid-Kamera unterwegs. Die Fotos dienten ihm als Vorlage für seine Motive. Er malte zunehmend auch in seinem Atelier. Und auch vom Format her große Werke malte der kleine Mann: Das riesige Bühnenbild im Saal der Gaststätte Zur Mühle - eine Ansicht von Kaldenkirchen - schuf er mithilfe seines Malerkollegen Heinz van Kempen.

Auch an der Kirche hinterließ Melchers seine Spuren: Im heutigen Pfarrhaus, dem Klostergebäude aus dem 17. Jahrhundert, restaurierte er im Auftrag des früheren Pfarrers Klaus Dors die ornamentreiche Decke des Saales - eine beachtenswerte künstlerische Arbeit. "Pastor Dors schätzte und förderte Melchers", berichtet Kückemanns. Doch der Künstler werkelte nicht nur selbst, er ermutigte andere begabte, jüngere Leute. Zum Beispiel Heinz-Gerd Flügels, zusammen mit Melchers im Kirchenchor St. Clemens: "Andreas sagte zu mir: Malen, dat kannst du auch, und so male ich tatsächlich schon seit über 20 Jahren."

Melchers gehörte auch der Künstlergruppe VIE 82 an. Er zeigte dort seine Bilder in etlichen Ausstellungen. Doch manche Werke wurden auf ganz andere Art entdeckt. So erzählt Petra Hauser, Leiterin des Familienzentrums Brigittenheim, dass Melchers ihr schon mal Tapetenrollen für den Kindergarten mitgab. "Er hatte wohl vergessen, dass er die Rückseiten selber schon bemalt hatte. Als ich ihn darauf ansprach, meinte er, wenn mir die Bilder gefielen, könne ich sie behalten." Und so hängen einige Melchers-Originale gerahmt bei ihr zuhause.

Neben Kückemanns, Hauser und Flügels dürften manche Kaldenkirchener Melchers-Werke besitzen. Denn viele bewundern bis heute die Kunst des Malers. Und vor allem die Natur- und Stadtmotive sind, wiederholt Kückemanns, "eben auch heimatgeschichtliche Dokumente". Wie das Ölgemälde der Sektion Tomp. Es dürfte eins seiner letzten Bilder sein - datiert von 1996.

Ein idealisiertes Bild von evangelischer und katholischer Kirche. Busch
Quelle: RP
 
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