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Düsseldorf
Das Atelier unter der Hebebühne

Holger Kurt Jäger in seinem Atelier: Neben ihm ein DS-Kombi, im Hintergrund das Hinterteil einer "Ente". FOTO: Bauer

Düsseldorf. Eine unscheinbare Werkstatt in der Stadtmitte wird von drei Künstlern als Atelier genutzt. Zwischen Citroën-Oldtimern und öligen Zangen arbeiten sie an ihren Werken. Autos für Bildertransporte sind jederzeit verfügbar.

Mehr als 30 Jahre versteckte sich hinter der bemalten Stahltür in der Jahnstraße, ganz am Ende der Königsallee, eine Autowerkstatt, die spezialisiert war auf alte Citroën-Fahrzeuge. Hier wurde an den französischen Design-Klassikern wie dem DS oder der "Ente" geschraubt. Seit einem Jahr dient das Hinterhofareal nun drei jungen Künstlern als Atelierraum. Dort arbeiten sie zwischen Hebebühnen, öligen Zangen und zwei alten Citroëns.

"Man bekommt in solch einer Umgebung aus Rost, Öl und Reifen andere Denkanstöße als in einem klassischen Atelier", erklärt Holger Kurt Jäger. Der ehemalige Besitzer der Werkstatt komme noch manchmal vorbei, um an Autos zu schrauben. "Mit dem DS-Kombi machen wir sogar Bildertransporte, das ist ein wahres Raumwunder", erklärt Jäger. Der Maler, der sich selbst augenzwinkernd als "plakativer grafischer Realist" bezeichnet, genießt den buchstäblichen Werkstattcharakter der Umgebung. Er tausche sich intensiver mit seinen Ateliergefährten, dem Fotografen und Akademiestudenten Alexander Romey, sowie Merlin Baum, Kommunikationsdesigner, aus. "Wir zeigen uns gegenseitig unsere Arbeiten, kritisieren einander, diskutieren."

Zur Malerei ist der gebürtige Rather über Umwege gekommen. Nach einer Ausbildung zum Raumausstatter und dem Abitur auf dem zweiten Bildungsweg studierte er an der Hochschule der Bildenden Künste in Essen. Der 33-Jährige ließ sich indes nie in ein akademisches Korsett zwängen, sondern hat sich die Widerspenstigkeit des ehemaligen Graffitti-Sprayers bewahrt. So sorgt er seit zwei Jahren mit den auf Waschlappen gemalten Konterfeis von Politikern wie Silvio Berlusconi, Recep Erdogan oder Christian Wulff für Aufsehen. "Dabei will ich aber kein politische Statement setzten, sondern es dem Betrachter überlassen, die Waschlappen politisch zu interpretieren", sagt Holger Kurt Jäger. Bei der Wohltätigkeitsversteigerung Heartbreaker wurde ein Wulff-Waschlappen im vergangenen Jahr für 900 Euro verkauft, und das "Manager-Magazin" bewertete die Waschlappen als "Anlage mit sehr gutem Potenzial".

"Meine Kunst entsteht vor allem durch harte Arbeit, aber auch durch meinen Spieltrieb. Ich will klassische Sujets auf heute übertragen", sagt Jäger. Er nennt das "Kulturtransfer" – wie in seinem Bild "Gipfeltreffen", auf dem sich eine Frau im Wald umrahmt von Bambi und ihren Freunden räkelt. Oder in seiner Plastik "Gorch Fock", ein Modell des berühmten Segelschulschiffes in einer Urinflasche aus dem Sanitärhaus. "Ich bin in den 80er Jahren unter dem Einfluss der Werbeindustrie aufgewachsen, da bleibt einem nichts anderes übrig, als plakative Kunst zu machen."

Neben der eigenen Arbeit bietet das Atelier aber auch Raum für andere Künstler: "Wir stellen in der Einfahrt der Werkstatt im halbjährlichen Wechsel auch befreundete Künstler aus dem Ausland aus, die uns besuchen kommen und hier für ein Paar Tage arbeiten." So werde die ehemalige Werkstatt zu einem "Thinktank aus unterschiedlichen Disziplinen, die sich gegenseitig befruchten", erklärt Jäger.

(RP/EW)
 
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