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"Die Altstadt war unser Internet"

Die Band Der Plan gehört zu den legendären Gruppen der Düsseldorfer Musikgeschichte. Der elektronische Schlager "Da vorne steht 'ne Ampel" (1980) gilt als subversiver Vorläufer der Neuen Deutschen Welle. Der Plan verband Punk und New Wave, die ersten Stücke nahmen die Musiker mit einem Diktiergerät auf und vertrieben sie auf eigene Faust in Kleinstauflagen. Nun werden die ersten beiden Alben der Band, "Geri Reig" (1980) und "Normalette Surprise" (1981), wiederveröffentlicht. Der frühere Kopf von Der Plan, der Maler und Musiker Moritz Reichelt alias Moritz R®, erzählt aus diesem Anlass, wie es damals zuging in der Stadt. Der 56-Jährige ist Mitbegründer des Düsseldorfer Labels Ata Tak, wo auch DAF ("Der Mussolini"), Andreas Dorau ("Fred vom Jupiter") und die Fehlfarben veröffentlichten. Er lebt inzwischen in Berlin.

Sie stammen aus Celle. Wie kamen Sie nach Düsseldorf?

Reichelt Meine Mutter hat sich von meinem Vater scheiden lassen und eine Ballettschule aufbauen wollen. Dafür suchte sie sich Düsseldorf aus.

Wie alt waren Sie da?

Reichelt 13 ungefähr. Erst mal kam ich aufs Internat, und dann ging ich aufs Max-Planck-Gymnasium. Aber meine Mutter ist bald wieder umgezogen – nach Frankfurt. Ich bin später zurückgekehrt, weil ich in Düsseldorf so viele Leute kannte. 1978 war das.

Was war das für eine Stadt damals?

Reichelt Eine unheimlich interessante Stadt. Da passierten die wichtigen Sachen: Der Künstler Charles Wilp, die ganzen Werber, die sich unheimlich toll kleideten und Jaguar fuhren! Das war für mich interessant. Das war etwas ganz anderes als die Hippies, mit denen ich immer rumhing. Ich schnitt mir dann auch bald die Haare ab.

Sie entdeckten Punk und New Wave.

Reichelt Der Auslöser war 1977 der Dokumentarfilm "Punk in London" von Wolfgang Büld. Den sah ich in einem Kino in Wuppertal. Eine Woche später hatte ich eine Lederjacke aus dem Second-Hand-Laden und Sicherheitsnadeln.

Wir war das: Ging man in die Altstadt und traf alle, die wichtig waren?

Reichelt Genauso kann man sich das vorstellen. Die Altstadt war unser Internet. Bei den Mitgliedern von Der Plan kam hinzu, dass wir auf die erste Platte unsere Adresse drucken ließen. Dadurch bekamen wir Kontakte in alle Welt, die LP wurde ja bis in die USA und nach Japan verkauft. Wir waren international vernetzt.

Und wie kam es dazu, dass Sie Plattencover für Depeche Mode gestalteten?

Reichelt Es wurden die unterschiedlichsten Leute auf uns aufmerksam. Eines Tages meldete sich aus London Daniel Miller, der das Label Mute gegründet hatte, wo Depeche Mode unter Vertrag stand. Er interessierte sich vor allem für DAF und wollte mit ihnen etwas machen. Auf diesem Wege bekam ich 1982 die Aufträge zur Gestaltung der frühen Depeche-Mode-Singles "See You" und "Meaning Of Love".

Depeche Mode: War die Band für Sie damals schon etwas Besonderes?

Reichelt Es gab dieses Jahr, 1979 war es, da wusste ich: Das neue Ding ist Synthie-Pop. Das war für mich der Wegweiser aus den reinen Krachproduktionen des Punk. Songs mit Melodien. Und Depeche Mode war die klassische Band für diesen Stil. Ich habe großen Respekt vor denen.

Aber Herzensbands sind andere?

Reichelt Die Punkbewegung hat dafür gesorgt, dass andere Schallplatten in Düsseldorfs Läden kamen als jene, die wir zuvor kaufen konnten; obskure zum Teil. Im Zuge dessen geriet eine Musik, die damals New Wave hieß, in mein Blickfeld. Der Titel "Warm Leatherette" von The Normal ist eine legendäre Platte für mich. Dahinter verbarg sich ja auch Daniel Miller. Wichtig sind zudem die Residents und vor allem Devo. Das war meine Musik. Devo ist immer noch eine sagenhafte Gruppe. Sie ist auch konzeptionell bedeutsam für mich: Ihre Videos setzten Maßstäbe, das Auftreten der Musiker bei Konzerten, die Kostüme. Es gibt sie nach wie vor, und ich verfolge per Internet, was sie treiben.

Hatten Sie je Kontakt zu Kraftwerk?

Reichelt Ich kannte Kraftwerk natürlich, als ich nach Düsseldorf kam, ich hatte ihre erste LP gehört, aber die interessierte mich nicht. Das war ja noch Musik mit Geige und so. Die zweite Hälfte der 70er Jahre ging Kraftwerk komplett an mir vorbei. Dann sah ich in der ZDF-Hitparade Kraftwerk den Titel "Die Roboter" aufführen, und das fand ich irre. Nachdem wir unsere erste LP veröffentlicht hatten, bekamen wir einen Anruf von Florian Schneider.

Gemeinsam mit Ralf Hütter Gründungsmitglied von Kraftwerk. Was hat er gesagt?

Reichelt Er wollte uns kennenlernen.

Haben Sie ihn getroffen?

Reichelt Ja, ja. Wir haben ihn im Studio besucht, er kam auch mal zu uns, wir haben Instrumente ausgetauscht . . .

Sie haben das sagenumwobene Kling-Klang-Studio besichtigt?

Reichelt Ich war drin! Aber ich war zuvor schon dort gewesen. Als Journalist. Ich war Musikredakteur beim Stadtmagazin "Überblick", und damals habe ich Kraftwerk in ihrem Studio besucht.

Ich sammle alle Absagen auf meine Anfragen nach einem Studiobesuch bei Kraftwerk. Sie sind alle im kargen Maschinensound gehalten, nur einen Satz lang und durchgängig klein geschrieben. Sehr skurril.

Reichelt Das macht alles Ralf Hütter! Der ist so fixiert auf dieses Mensch-Maschine-Ding, dass sogar Florian Schneider irgendwann keine Lust mehr hatte und ausgestiegen ist. Hütter zieht das gnadenlos durch. Und er ist zu schüchtern, um Interviews zu geben. Florian Schneider ist da ganz anders. Der war damals derjenige, der uns empfing.

Was war eigentlich die Idee von Der Plan?

Reichelt Musikalisch? Ganz einfach: Wir wollten etwas machen, das sonst keiner machte. Wir wollten Sachen realisieren, die wir sonst nicht zu hören bekamen. Aber Sie meinen sicher, wie es zu dem Namen kam. Er geht zurück auf ein Buch von Gordon Rattray Taylor. Er hat schon früh ein Buch über Umweltprobleme geschrieben, das heißt "Die biologische Zeitbombe". Und da stand, dass man die Umwelt nicht sich selbst überlassen darf, sondern planvoll handeln solle. Da wurde der Begriff "Der Plan" geprägt als Fähigkeit des Menschen, sein Leben bewusst zu gestalten.

Was machen Sie heute?

Reichelt Dasselbe wie damals: Malerei und Musik. Ich habe gerade die Filmmusik gemacht für die Kinoproduktion "Das schlafende Mädchen" von Rainer Kirberg. Ansonsten arbeite ich an einem Hörspiel-Projekt und suche Produzenten und Sender, die das finanzieren wollen.

Wann waren Sie zuletzt in Düsseldorf?

Reichelt Puh. Moment mal. Zur Ausstellung "Zurück zum Beton" über die Anfänge von Punk und New Wave, glaube ich.

Das ist zehn Jahre her.

Reichelt Ja, so lange schon.

Quelle: RP
 
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