Zahl psychischer Erkrankungen steigt massiv In Rente wegen kranker Seele

Berlin/Düsseldorf · Mehr als 40 Prozent der Menschen, die wegen verminderter Erwerbsfähigkeit in Rente gehen, leiden an einer psychischen Erkrankung. Die Therapieplätze in Deutschland allerdings sind knapp.

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Foto: Shutterstock/Luna Vandoorne

Psychische Erkrankungen sind der Hauptgrund, warum Arbeitnehmer eine Erwerbsminderungsrente benötigen. Nach Daten der Rentenversicherung leidet fast jede zweite Frau (49 Prozent), die neu eine Erwerbsminderungsrente bekommt, an einer seelischen Erkrankung. Bei den Männern, die wegen verminderter Erwerbsfähigkeit aus dem Job ausscheiden, sind es 36,5 Prozent.

Die Versorgung psychisch Kranker gilt seit Jahren als mangelhaft. Betroffene warten nach einer Umfrage der Psychotherapeutenkammer sechs Monate auf einen Therapieplatz. Wie aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervorgeht, fruchten alle Anläufe der Bundesregierung nicht, genug Therapieplätze für die Erkrankten zur Verfügung zu stellen. Wie häufig im selbst verwalteten Gesundheitssystem werden auch bei der psychotherapeutischen Versorgung die Vorgaben des Gesetzgebers nur schleppend umgesetzt. "Das Bundesgesundheitsministerium wird weiterhin darauf dringen, dass der gesetzliche Auftrag zeitnah umgesetzt wird", schreibt die Bundesregierung.

"Es ist ein Unding, dass die Bundesregierung jegliche Verantwortung von sich weist und tatenlos zuschaut", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Maria Klein-Schmeink. Sie verweist nicht nur auf das Leid der Menschen, sondern auch auf den volkswirtschaftlichen Faktor: Knapp 45 Milliarden Euro pro Jahr an Kosten würden psychische Erkrankungen verursachen. Als Psychotherapie-Notstandsgebiet gilt seit Jahren das Ruhrgebiet. Wegen des Mangels an Therapeuten würden dort 30 Prozent weniger Menschen psychotherapeutisch behandelt als in vergleichbaren Regionen, kritisierte die Grünen-Politikerin.

Frühzeitige Dienstunfähigkeit ist die Regel

Seit April 2017 müssen die Ärztekammern über ihre Terminservice-Stellen nicht nur Fachärzte, sondern auch Psychotherapeuten vermitteln. Seitdem laufen die Telefone bei den Terminservicestellen heiß. Die Nachfrage ist in die Höhe geschnellt. Mehr als 40 Prozent der Terminnachfragen beziehen sich mittlerweile auf psychotherapeutische Behandlung, wobei die Servicestellen keine Therapie, sondern zunächst nur ein Erstgespräch vermitteln können.

Das vorzeitige Ausscheiden aus dem Berufsleben ist im nordrhein-westfälischen Landesdienst die Regel. In NRW erreichte 2016 nur knapp jeder vierte Beamte in der Landesverwaltung sowie jeder vierte Lehrer die Regelaltersgrenze von 67 Jahren. Elf Prozent der Beamten und 9,5 Prozent der Lehrer wurden vorher dienstunfähig. Dies geht aus der Antwort auf eine kleine Anfrage an die Landesregierung hervor. Die meisten Beamten und Lehrer (43,1 Prozent beziehungsweise 54,8 Prozent) schieden im 63. Lebensjahr aus. Wenn Beamte mit 63 Jahren in Pension gehen, müssen sie Abschläge hinnehmen. Pro Monat, den sie vorzeitig in den Ruhestand gehen, verringert sich die Höhe der Pension um 0,3 Prozentpunkte.

"Insbesondere für Lehrer ist die Gesamtsituation zunehmend belastend", sagte die stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Maike Finnern. Wegen des Lehrermangels falle sehr viel Vertretungsunterricht an. Hinzu kämen neue Herausforderungen wie die Inklusion oder die schlechte Ausstattung der Schulen. Nach Angaben des NRW-Schulministeriums entschieden sich weniger als 500 Lehrer dafür, über die Altersgrenze hinaus zu arbeiten.

(RP)
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