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Fragen und Antworten
Wie gefährlich sind die Hähnchen-Keime?

In vielen großen Mastbetrieben steht der Einsatz von Medikamenten auf der Tagesordnung. FOTO: dpa, Andreas Gebert

Düsseldorf. Verbraucher holen sich mit rohen Brathähnchen oft auch resistente Krankheitskeime ins Haus. Dies ergibt eine neue Untersuchung. Schuld ist der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierzucht. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Was genau hat die neue Studie herausgefunden?
Der Bund für Umwelt und Naturschutz hat Hähnchenfleisch aus deutschen Supermarktketten untersucht. Bei jedem zweiten Produkt wurden dabei antibiotikaresistente Keime entdeckt. Gefunden wurden ESBL-produzierende Darmkeime (Extended Spectrum Beta-Lactamase) und MRSA-Keime (Methicillin-resistente Staphylococcus aureus). Verantwortlich dafür ist der massenhafte Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung. Eine bundesweite Studie des NRW-Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz vor wenigen Monaten ergab ebenfalls, dass in der Geflügelmast hierzulande vermutlich viel zu viele Antibiotika zum Einsatz kommen.

Warum ist das gefährlich?
Diese Keime können anfällige und bereits geschwächte Patienten krank machen. In Einzelfällen können die Krankheiten schwere Verläufe nehmen. Weil die Keime widerstandsfähig (resistent) gegen Antibiotika sind, ist eine Behandlung mit gängigen Medikamenten nicht möglich. Zudem nimmt der Vebraucher über das Fleisch Rückstände der dem Tier verabreichten Medikamente auf.

Ist dieses Ergebnis überraschend?
Nein. Zuletzt sorgte eine Studie in NRW für Aufsehen, deren Ergebnisse im November 2011 veröffentlicht wurden. Veterinäre hatten 182 Geflügelbestände auf Antibiotika untersucht. 96,4 Prozent der untersuchten Tiere waren mit den Medikamenten behandelt worden – in Einzelfällen über einen langen Zeitraum von 26 Tagen. Jedes zweite Masthähnchen erhielt das Antibiotikum dagegen nur ein bis zwei Tage – was die Bildung von resistenten Keimen zusätzlich begünstigt.

Warum werden in der Hühnermast Antibiotika eingesetzt?
In großen Betrieben mit vielen Tieren auf engstem Raum würden viele Tiere ohne Medikamente nicht lange genug überleben, um überhaupt geschlachtet werden zu können. Die Züchter bewegen sich dabei in einer rechtlichen Grauzone: Eigentlich dürften nur erkrankte Tiere Medikamente erhalten. Aber: Bei Gruppentierhaltung werden meist alle Tiere behandelt, um eine Ansteckung zu vermeiden. Gleichzeitig können Antibiotika helfen, die Mastzeit zu verkürzen, sie werden dann als sogenannte Leistungsförderer eingesetzt. In Deutschland ist das aber seit 2006 verboten.

Sind nur Hähnchen betroffen?
Nein, das Problem besteht bei den meisten Geflügelsorten – beispielsweise auch bei Weihnachtsgänsen.

Bekommen Tiere dieselben Antibiotika wie Menschen?
Ja. Viele Antibiotika werden sowohl von Human- als auch von Veterinärmedizinern verwendet.

Werden die Medikamenten-Rückstände beim Erhitzen nicht unschädlich gemacht?
Nein. Zwar wird die Wirkung der Rückstände reduziert. Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung erfolgt dies aber nicht zuverlässig. Der Grad der Restwirkung hängt stark von der Art der Substanz ab.

Worauf kann ich beim Kauf achten?
Die Studie von 2011 stellt eine Faustregel auf: Je kleiner der Mastbetrieb, um so weniger Medikamente werden in der Regel verwendet. Verbraucher, die sich Sorgen machen, sollten demnach Produkte mit folgenden Kennzeichnungen bevorzugen: "extensive Bodenhaltung", "Freilandhaltung", "bäuerliche Freilandhaltung", "bäuerliche Freilandhaltung – unbegrenzter Auslauf". Bei Geflügel aus dem Ausland ist indes Vorsicht geboten – auch bei der beliebten Weihnachtsgans aus Polen. Dort wird mehrheitlich auf Massenzucht gesetzt, was auch die günstigen Preise erklärt.

Was will die Politik tun?
Die Bundesregierung will den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung reduzieren. Noch in dieser Woche will Ministerin Ilse Aigner einen entsprechenden Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes vorlegen. Die Behörden der Bundesländer sollen mehr Zugriff auf die erfassten Abgabemengen erhalten. Tierärzte sollen verpflichtet werden, alle Daten zu übermitteln. Geplant ist zudem, dass Antibiotika, die auch in der Humanmedizin bedeutend sind, weniger eingesetzt werden.

Was raten Experten?
Fachleute halten nationale Offensiven für wenig wirkungsvoll. Denn: In 14 von 27 EU-Mitgliedsländern sind Antibiotika für Tiere überhaupt nicht verschreibungspflichtig. Beispiel Frankreich: Hier wird ein Drittel der Antibiotika-Produktion direkt an die Züchter verkauft. Die Verschreibungspflicht sollte daher europaweit harmonisiert werden.

(csi/rm/csi/chk/pst)
 
 
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