Online-Selbstversuch Das Darknet - Schattenreich des Internets

Düsseldorf · Der Verdächtige im Fall des getöteten Jungen aus Herne prahlte offenbar in einem Video mit seiner Tat – und veröffentlichte es im Darknet. Wie gelingt es Menschen wie ihm, sich in diesem Schattenbereich zu bewegen, und was findet man dort? Unser Autor hat sich vor einigen Wochen dort umgeschaut.

Der Verdächtige im Fall des getöteten Jungen aus Herne prahlte offenbar in einem Video mit seiner Tat — und veröffentlichte es im Darknet. Wie gelingt es Menschen wie ihm, sich in diesem Schattenbereich zu bewegen, und was findet man dort? Unser Autor hat sich vor einigen Wochen dort umgeschaut.

Das Schattenreich ist nur ein paar Klicks entfernt. Zwei Gramm Kokain kosten 160 Euro, ein amerikanischer Pass 700 Euro. Die Suchmaschine "DuckDuckGo" listet Unmengen illegale Waren und Dienstleistungen aller Art auf, die man bei Google vergeblich suchen würde. Um sie zu finden, muss man sich in die Untiefen des geheimen Internets begeben. Das sogenannte Darknet ist über die gängigen Wege nicht erreichbar — und umso beliebter bei allen, die im Schutz der Anonymität agieren wollen.

So wie es David S. getan hat. Jener 18-jährige Schüler, der am 22. Juli 2016 die bayerische Landeshauptstadt München in Angst und Schrecken versetzte und in den Monaten danach in tiefe Trauer stürzte. Vor einem Schnellrestaurant eröffnete er an diesem Tag ohne Vorwarnung das Feuer, tötete zehn und verletzte 36 Menschen. Seine Munition reichte für einen zweieinhalbstündigen Amoklauf, bevor er die Waffe gegen sich selbst richtete. Eine Waffe, die er sich illegal im Darknet besorgt hatte, wie die Ermittler wenige Tage später bekannt gaben. Auch Marcel H. aus Herne, der verdächtigt wird, am Montag einen Neunjährigen getötet zu haben, soll im Darknet unterwegs gewesen sein. Er hat dort laut Polizei ein Video veröffentlicht, in dem er sich mit der Tat brüstet.

Wie gelingt es Leuten wie David S. und Marcel H. scheinbar spielend, sich in diesem Schattenbereich des Internets zu bewegen und mit ein paar Klicks die Grenzen zur Illegalität zu überwinden? Und was genau ist dieses Darknet überhaupt? Um sie beantworten zu können, habe ich mich auf eine Reise begeben, von der ich nicht wusste, wie weit sie mich führen wird. Wie gelingt mir der Zutritt, welche technischen Voraussetzungen muss ich erfüllen? Wenn ich einmal "drin" bin: Wie schnell stoße ich auf illegale Aktivitäten oder bewege mich womöglich selbst abseits des Gesetzes?

Vorausgeschickt sei: Das eine Darknet gibt es nicht. Es handelt sich genau gesagt um zahllose, anonymisierte Bereiche des sogenannten Deep Web — dem unter der öffentlichen Oberfläche verborgenen, aber nicht illegalen Teil des Internets. Hier liegen etwa 90 Prozent der gesamten Informationen, die im Internet vorhanden, aber nicht öffentlich zugänglich sind. Dazu gehören auch wissenschaftliche Berichte, medizinische Aufzeichnungen, Datenbanken oder Inhalte sozialer Netzwerke. Schätzungen des Bundeskriminalamts zufolge ist das Deep Web etwa zehn- bis 100-mal umfangreicher ist als das vom normalen Internetnutzer täglich besuchte "Surface Web", das buchstäblich nur die Spitze des Eisberges darstellt. Die im Deep Web abgelegten Daten sind mit normalen Suchmaschinen wie Google oder Bing nicht zu finden — was im Umkehrschluss keinesfalls bedeutet, dass sie illegal sind.

Erst mit Hilfe eines speziellen Browsers wird der Gang in die dunkelsten Gewölbe des Deep Web — also das Darknet — möglich. Und die technische Bewältigung dieses Schritts wurde mir zu meiner großen Überraschung, und ein wenig auch zu meinem Entsetzen, ziemlich einfach gemacht. Im "normalen" Internet war ich bei meinen Recherchen bereits auf Spuren eines nicht-öffentliches Pendants der Enzyklopädie Wikipedia gestoßen, das sogenannte "hidden wiki".

Der Weg dorthin überfordert selbst Ungeübte nicht: Die Installationsdatei des notwendigen Tor-Browsers lässt sich mit einer einfachen Google-Suche aufspüren, die Einrichtung läuft wie die jeglicher anderen beliebigen Software. Die Benutzeroberfläche entspricht in großen Teilen der des bekannten Mozilla Firefox. Einziger Unterschied: Beim Start des Tor-Browsers verbindet dieser sich mit dem anonymen Netzwerk — fertig. Eine kurze Stichwortsuche via "DuckDuckGo" - eine spezielle Suchmaschine, die im Gegensatz zu Google auch versteckte Links aufspürt - führte mich schließlich zum "hidden wiki", dem bereits beschriebenen Marktplatz für Kriminelle.

Dort finde ich alles, was ich noch niemals wollte: Eine gefälschte amerikanische Staatsbürgerschaft gefällig? Kein Problem, das macht dann 5900 US-Dollar (5600 Euro). Darf es sonst noch etwas sein? Ein Gramm reines Kokain für 85 Pfund (100 Euro) vielleicht? Oder vielleicht lieber doch gestohlene Kreditkartendaten? Die Angebotspalette ist bunt gemischt und lässt keine kriminellen Wünsche offen: verschreibungspflichtige Medikamente, Drogen, Blutdiamanten, Wilderei-Produkte, gefälschte Ausweise, Hacker-Dienstleistungen, verbotenes pornografisches Material, Auftragsmorde — und letztlich auch Waffen. Alles bunt beworben, detailliert beschrieben und auf passenden Bildern in Szene gesetzt. Ein Klick und die gewünschten Artikel wären im Warenkorb gelandet, zahlbar per Bitcoins, einer digitalen Währung.

Diese Art der digitalen Kriminalität stellt auch die Strafverfolgungsbehörden vor immer größere Probleme — nicht zuletzt, da hier viele verschiedene internationale Akteure miteinander in Kontakt treten können und die entsprechenden Foren und Markplätze im Darknet ohne tiefergehende Computerkenntnisse erreichbar sind. "Leider gelingt es mittlerweile jedem Laien, die für den Zutritt zum Darknet nötige Software zu installieren. Die zusätzliche hochgradige Anonymisierung macht es umso schwieriger, mögliche Täter zu identifizieren", sagt daher auch Thomas Jansen vom Cybercrime-Kompetenzzentrum des Landeskriminalamts NRW.

Daher gelingt es ihm und seinen bundesweiten Kollegen nicht, verlässliche Aussagen über den wirtschaftlichen Schaden zu treffen, der durch den Online-Handel mit illegalen Waren jährlich verursacht wird. Denn dieser Handel findet auch, aber nicht ausschließlich im Darknet statt. Zwar geht das Bundeskriminalamt für das Jahr 2015 von einem Gesamtschaden von 40,5 Millionen Euro aus — dieser Wert beinhaltet allerdings nur die beiden Deliktsbereiche "Computerbetrug" (Phishing) und "Betrug mit Zugangsberechtigungen zu Kommunikationsdiensten", also den unberechtigten Zugriff auf Router. Aussagekräftig sind in diesem Zusammenhang daher auch nicht die Fallzahlen, in denen das "Tatmittel Internet" zum Einsatz kam: 244.528 Straftaten wurden bundesweit 2015 registriert, bei denen es sich allerdings in drei Vierteln der Fälle um Betrugsdelikte handelte. Daher müsse insgesamt von einem großen Dunkelfeld ausgegangen werden, heißt es von Seiten der Behörden.

Und auch, wenn dort kriminelle Wünsche spielend leicht erfüllt werden können: Selbst im Darknet ist nicht alles schlecht. Selbst dort gibt es Menschen mit guten Absichten. Was insofern nicht verwunderlich ist, als darin die ursprüngliche Idee eines Forscher-Teams der U.S. Navy Mitte der 90er-Jahre bestand: Jedem Menschen die freie Nutzung des Internets ohne die Preisgabe sensibler persönlicher Daten zu ermöglichen. Das Team erfand eine Methode, die einen Datensatz dadurch verschlüsselt, indem er mit mehreren Codes umhüllt wird, ähnlich den Schichten einer Zwiebel. Daraus entstand im Jahr 2002 das Netzwerk "The Onion Router" (Tor). Für die Oppositionsbewegungen des arabischen Frühlings erwies sich Tor als hervorragende Möglichkeit, trotz Zensurbemühungen der jeweiligen Regierung unerkannt miteinander in Kontakt zu bleiben. Und seit zwei Jahren ist auch Facebook über eine eigene Tor-Adresse erreichbar, fungiert seitdem als soziales Netzwerk der Verfolgten und Ausgeschlossenen. Hier treffen sich Menschen, die sich aufgrund ihrer Lebensweise, ihrer Religion oder ihrer sexuellen Orientierung nicht mehr öffentlich äußern können oder wollen, ohne lebensbedrohliche Konsequenzen befürchten zu müssen. Durch das Darknet haben sie die Möglichkeit, ein weitestgehend normales Leben in einer anonymisierten Öffentlichkeit zu führen.

Dennoch begegnen mir bei meinem Abstecher ins Darknet mehr Kriminalität, Illegalität und moralisch fragwürdige Inhalte, als ich im Vorhinein erwartet hatte. Daher breche ich meine Reise in die Abgründe menschlichen Handelns bereits nach rund einer Stunde lieber wieder ab. Wie gelangt man eigentlich an die gekauften Waren? Gibt man eine Lieferadresse an und erhält Drogen oder Waffen per Eilkurier? Werden tote Briefkästen genutzt oder gar geheime Übergaben verabredet? Wer weiß, was ich erst entdecken würde, wenn ich noch tiefer vordringen würde.

Vor allem aber beendete ich meinen Ausflug ins Darknet, weil ich einfach nicht glauben konnte, dass dieses Gruselkabinett der Schwarzmarkt-Kuriositäten nur wenige Minuten Zeitaufwand und ein paar Klicks entfernt darauf wartet, gekauft zu werden. Und dass jeder, der es auch nur ansatzweise darauf anlegt, dort auf Shoppingtour zu gehen, jeden noch so skurrilen Wunsch erfüllt bekommen kann. So wie David S.

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